1979

Obstbau und Reben in Riehen

Fritz Bachmann

Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, dass die Witterungseinflüsse der Rebe in ihrer Ausbreitung natürliche Grenzen setzen. Die Rebe stellt höhere Ansprüche an das Klima als viele andere, in Europa heimischen Kulturpflanzen. Nicht umsonst spricht man von Weinbauklima und denkt dabei an sonnenreiche, vor kalten Winden geschützte Landstriche. Aber ebenso sind gewisse Obstarten — Aprikosen und Pfirsiche — klimatisch anspruchsvoll, und auch die weniger heiklen Arten gedeihen besser in warmen Böden und unter häufiger intensiver Sonnenbestrahlung als in rauhen Gegenden.

Riehen, am Rande der oberrheinischen Tiefebene gelegen und flankiert von Ausläufern des Schwarzwaldes als schützende Höhenzüge, geniessen alle Vorteile eines milden Weinbauklimas: lange Vegetationsperiode mit geringer Gefahr von Spätfrösten im Frühling und Frühfrösten im Herbst; im Vergleich zu vielen anderen Schweizer Gemeinden jenseits des Juras höhere Durchschnittstemperaturen; mehr Sonnenstunden und viel weniger Nebel oder Hochnebel; selten Hagelschläge; weniger tiefe Wintertemperaturen. Neben der angestammten natürlichen Vegetation, die als Klimazeiger für ganze Regionen herangezogen werden kann, gibt auch die Verbreitung gewisser wenig oder nicht mobiler Tierarten einen gültigen Hinweis auf die Qualität des Klimas. Eine solche Tierart ist beispielsweise die Rote Birnenschildlaus, Epidiaspis leperii. Dieser, als wärmeliebende Art bekannte Insektenschädling ist in Riehen sehr verbreitet und tritt in einer Befallsstärke auf, wie sie sonst nur in den Tälern der Alpensüdseite, im Wallis, im Bassin lémanique und an den Ufern des Neuenburger-, Bieler- und Murtensees angetroffen wird. In den übrigen Weinbaugebieten der Schweiz kann diese Schildlaus nur sehr sporadisch gefunden werden.

Diese günstigen klimatischen Voraussetzungen werden noch vorteilhaft ergänzt durch fruchtbare, tiefgründige Böden, häufig gebildet von Löss, eine für diese Kulturen besonders willkommene Grundlage.

Obstarten, Anteil, Verbreitung Es gab eine Zeit, wo als der Weisheit letzter Schluss der Spruch galt: «Hast einen Raum, pflanz einen Baum und pflege sein, er trägt dir's ein». Kaum in Riehen, aber an anderen Orten, kann man heute noch letzte Zeugen aus jener Zeit finden, in Form von Baumruinen, blossen Platzräubern, an den ungeeignetsten Orten, weder einen Ertrag abwerfend noch das Landschaftsbild bereichernd. Unseres Wissens hat der Obstbau in Riehen nie eine solch dominierende Rolle gespielt, dass er den Grossteil der Kulturfläche bedeckt hätte. Er stand in Konkurrenz zum Getreidebau, den Reben und den Futterwiesen. Auch als es noch mehr Obstbäume gab als heute, hatten die Kirschen immer einen überragenden Anteil unter den Obstarten. Bedingt durch die bevorzugte Lage, blühten die Kirschbäume in Riehen früher als andernorts und brachten bei entsprechender Sortenwahl auch die ersten Früchte. Dementsprechend liessen sich höhere Preise erzielen als zur Zeit der Haupternte in den übrigen Kirschengebieten. So waren die Sorten Erstfrühe und Zweitfrühe schon lange die wichtigsten, und Erstfrühe erfuhr aufgrund der überzeugenden Empfehlungen Dr. Meyers, des langjährigen Leiters der Baselbieter Zentralstelle für Obstbau, eine noch stärkere Verbreitung. Heute sind die Besitzer dieser im besten Ertragsalter stehenden Bäume nicht mehr so glücklich über diese Sorte; denn ihr einziger Vorteil liegt in der Frühreife, dem aber gewichtige Nachteile gegenüberstehen: Auch wenn sie von Spätfrösten verschont bleibt, ist sie ein unzuverlässiger Träger; die Blütenpracht entspricht selten der späteren Ernte. Ihre geschmacklichen Qualitäten sind bescheiden, und sie verträgt absolut keine Lagerung. Zudem steht sie im Angebot in Konkurrenz zu Importfrüchten aus Italien, und es wäre demnach völlig unrealistisch, Verkaufspreise verlangen zu wollen, welche den enorm gestiegenen Pflücklöhnen und dem mässigen Behang der Bäume einigermassen entsprechen würden. 1 kg äpfel ist rascher gepflückt als 1 kg Tafelkirschen, und wegen des hohen Anteils der Pflückkosten am Gestehungspreis sind heute die Kirschen beinahe zu Luxusfrüchten geworden.

Neben den erwähnten Frühsorten spielen die mittelspä ten und späten Sorten nur eine geringe Rolle. Basler Adler hat noch eine gewisse Bedeutung.

Die extrem heissen und trockenen Sommer 1947 und 49 haben vor allem in den Kiesböden der Wiesental-Ebene zum Absterben zahlreicher Kirschbäume geführt. Die Gemeinde animierte deshalb die Obstbauern durch eine grosszügige Subventionierung in den Jahren 1950 und 51 zu Neupflanzungen, die heute noch schöne, mehr oder weniger geschlossene Anlagen bilden.

Zwetschgen standen früher unter den Obstarten an zweiter Stelle, sind aber seither stark rückläufig. Dominierende Sorte ist die Bühler Zwetschge, daneben ist Zimmers Frühzwetschge noch ziemlich verbreitet. Die qualitativ beste Sorte, Fellenberg, die ausgezeichnet auf das Riehener Klima abgestimmt wäre, trifft man selten. Der Grund dürfte in ihrer Anfälligkeit auf Befall durch den Pflaumenwickler liegen, ein Schädling, der früher nicht bekämpft werden konnte. Erwähnenswert ist noch eine Untervarietät der Basler Hauszwetschge, die von der Eidg. Forschungsanstalt Wädenswil in den Obstanlagen von Rudolf Rinklin im Schlipf gefunden worden ist. Auf Vorschlag unserer kantonalen Obstbaukommission soll sie Hebel-Zwetschge genannt werden.

Pfirsich- und Aprikosenbäume sind in Riehen recht zahlreich, aber nur in den Haus- oder den Schrebergärten. Der einzige Versuch einer Marktproduktion von Pfirsichen vor etwa zwei Jahrzehnten entlang der Weilstrasse beim Wiesengarten wurde bald wieder aufgegeben.

Die früheren geschlossenen Apfel-Hochstammanlagen sind lückig geworden oder ganz verschwunden. Sie werden aber heute ertragsmässig kompensiert durch die wenigen Niederstammanlagen in der Sammtmatte, auf dem Hungerbach, an der Bosenhalde und in der Au. Sortenmässig bestehen heute keine Besonderheiten mehr. Der Borsdorfer galt einmal als bekannte Riehener Lokalsorte und wurde als Tafel- wie auch als Kochapfel verwendet. Er ist heute vollständig verschwunden, wohl deshalb, weil er qualitativ nicht hervorragte, extrem schorfanfällig war und zudem ausgeprägt zur Alternanz neigte, d.h. nur jedes zweite Jahr, dann aber zuviele Früchte an riesigen Bäumen brachte.

Die Pflanzung und Pflege von Birnbäumen blieb praktisch immer eine auf die Gärten beschränkte Liebhaberei.

Pflege und Erziehung
Die Obstbäume wurden bei uns in der Vergangenheit, soweit man sich erinnern kann, immer als Hochstämme gezogen, und die Kronenerziehung erfuhr ihren Höhepunkt in der strengen Systematik des Oeschbergschnittes, die von Hans Spreng, dem ehemaligen Leiter der schweizerischen Zentralstelle für Obstbau in Oeschberg-Koppigen, anfangs der Dreissigerjahre entwickelte und propagierte Schnitt- und Erziehungsmethode. In den wesentlichen Grundzügen ist diese Methode in den meisten, heute noch regelmässig gepflegten Hochstammanlagen zu erkennen. Das Kronengerüst besteht aus einem Mitteltrieb, 4—6 im durchschnittlichen Winkel von 45 Grad abstehenden Leitästen und untergeordneten, nach aussen gerichteten Fruchtästen.

Mit der altersbedingten Ablösung der im deutschschweizerischen Obstbau dominierenden Persönlichkeiten, Prof. Kobel, Direktor der Forschungsanstalt Wädenswil, und Hans Spreng in Oeschberg, begann auch in der deutschsprachigen Schweiz die Umstellung auf den Niederstamm-Obstbau. Heute wird je nach Region und Obstart die eine oder andere der drei wichtigsten Er ziehungsformen, Spindelbusch, Hohlkrone oder Hecke, bevorzugt. Die Vorteile des Niederstamm-Obstbaues sollen auch hier kurz erwähnt werden: Früherer Ertrag; bessere, ausgeglichenere Qualität durch regelmässigen, mit Auspflücken korrigierten Behang und besseren Lichtzutritt; Vereinfachung und entsprechend Verbilligung der Schnitt-, Spritz- und Erntearbeiten; keine Zweiteilung zwischen Unter- und Obernutzen; höhere Erträge pro Fläche.

In Riehen hat der 1954 allzufrüh verstorbene Robert Wenk nach dem Krieg die erste Niederstammanlage am Leimgrubenweg gepflanzt. Dass eine solche Anlage bezüglich Pflege anspruchsvoller ist als ein Hochstamm, zeigte sich sehr bald nach dem Tode Herrn Wenks. Mangels Pflege erlebte sie einen raschen Niedergang, und nach einigen Jahren blieb als letzte Lösung das Ausreissen der Bäume. Die im vorangehenden Kapitel erwähnten, ab Ende der Fünfzigerjahre durch Emil Wenk, Erwin Sulzer und Rudolf Rinklin (bzw. Landpfrundhaus) gepflanzten Anlagen sind immer noch «im Schuss», wenn auch bezüglich Erziehungsmethoden einige unfreiwillige Erfahrungen gesammelt werden mussten. So hätten die abgebildeten Niederstamm-Kirschbäume auf dem Hungerbach ursprünglich Hecken formieren sollen. Ihre Eigenwilligkeit und ihre Triebkraft war aber stärker als die Macht des Erziehers, was ja auch bei uns Menschen gelegentlich vorkommen soll.

Ungepflegte, vernachlässigte Bäume bilden im Riehener Bann eine kleine Minderheit, was als rühmliche Tatsache festgehalten werden darf.

Krankheiten und Schädlinge Die in unserer Gemeinde wohl folgenschwerste Krankheit der Kirschbäume ist die Pfeffingerkrankheit, eine Virusinfektion, für die gleichzeitig mehrere Erreger verantwortlich sind. Die Virose, die an den Blättern erkannt werden kann, führt zur Schwächung der Bäume und zu Unfruchtbarkeit, so dass sie gefällt werden müssen. Am bekanntesten sind wohl die Auswirkungen von den Bäumen entlang der Rudolf Wackernagel-Strasse.

Der Bakterienbrand befällt bevorzugt die Sorte Zweitfrühe und äussert sich in starkem Gummifluss, Absterben der Fruchtspiesse, ganzer Zweige und Aste. Er ist bei uns ebenfalls verbreitet, hat aber seit einiger Zeit in seiner Virulenz erheblich nachgelassen, vielleicht, weil die Bäume im allgemeinen weniger intensiv gedüngt werden.

Schrotscbuss und Sprühfleckenkrankheit, von Pilzen erzeugt, spielen eine untergeordnete und sehr sporadische Rolle. Hingegen hat sich die Kirschenfliege von ihrem Tiefstand, auf den sie durch vollständigen Ernteausfall wegen Blütenfrost im Jahre 1958 gedrückt worden war, längst wieder erholt und bewirkt, dass die mittelspäten und späten Sorten ohne Gegenmassnahmen regelmässig stark vermadet sind. Dieser Befall kann heute auch ohne chemische Bekämpfung mit Hilfe von spezifischen Fliegenfallen, die von der Forschungsanstalt Wädenswil entwickelt worden sind, sehr stark reduziert werden.

In gewissen Jahren erleben wir eine übermässige Vermehrung der Schwarzen Kirschenblattlaus. Ihr Schaden fällt auf durch stark eingerollte Blätter, gestauchte Triebe und den klebrigen Honigtau, der Blätter und Früchte überzieht.

Anfangs der Siebzigerjahre ist im Banne Riehens ein neuer Schädling entdeckt worden, der nicht nur Kirschbäume, sondern alle übrigen Obstarten, viele verwandte Ziersträucher und vor allem Johannisbeeren befällt, die San José-Schildlaus. Mit der von anderen Befallsgebieten bekannten und auch für Riehen befürchteten Gefährlichkeit dieser Schildlaus war es aber nicht weit her, so dass wir glücklicherweise ohne grosse Sorgen mit dem neuen Schädling leben können.

Hauptschädlinge an den Zwetschgenbäumen sind die Blattläuse, die Rote Spinne, welche durch ihr Saugen das Blattwerk frühzeitig braun verfärbt, und der Pflaumenwickler, dessen zweite Generation die Wurmstichigkeit der reifen Früchte verursacht. Einzige Krankheit von einiger Bedeutung ist der Zwetschgenrost. Starker Befall führt zu vorzeitigem Blattfall. Bei späteren Sorten ist dann das Ausreifen der Früchte in Frage gestellt.

Die Pfirsichbäume leiden jedes Jahr unter der Kräuselkrankheit, einem Pilz, der schon bei Austrieb die noch nicht entfalteten Blätter befällt.

Die Hauptkrankheiten des Kernobstes sind Schorf und Apfelmehltau, und bei den tierischen Schädlingen stehen die Obstmade und die Mehlige Apfelblattlaus im Vordergrund. Ferner müssen wir nochmals die Rote Birnenschildlaus erwähnen, deren Befall sich keineswegs auf'die Birnbäume beschränkt, sondern ebenso häufig auf Zwetschgen- und Pfirsichbäumen und in geringerem Mas se auch auf Apfelbäumen gefunden wird. Diese Schildlaus siedelt vor allem in Kolonien, die durch vorjährige Schilde rasch mehrschichtig werden, weshalb sie gegen InsektizidSpritzungen gut geschützt und dementsprechend schwer bekämpfbar ist. Starker Befall deformiert die äste und kann sie zum Absterben bringen.

Der vorstehende Katalog von Krankheiten und Schädlingen zeigt, dass ohne Pflanzenschutz in manchen Jahren an den Obstbäumen mit ernsten Schäden, Ertragsminderungen oder Qualitätseinbussen gerechnet werden muss. Wer dies nicht einfach hinnehmen will, muss chemische Pflanzenschutzmittel verwenden, und damit diese Mittel in jeder Beziehung richtig angewendet werden können, gibt es einen «Riehener Spritzplan», der von der kantonalen Obstbaukommission in regelmässigen Abständen überarbeitet und neu aufgelegt wird. Wer diese Richtlinien befolgt, kann ohne Gefährdung seiner selbst und der Umwelt erfolgreichen Pflanzenschutz betreiben.

Und nun noch ein Wort zu den für den Obstbau nützlichen und wichtigen Insekten, den Bienen. Ohne Befruchtung der Blüten gibt es keine Früchte. Da die Kernobstund teilweise auch die Steinobst-Pflanzen Fremdbefruchter sind, d.h. nur der Pollen, der von einer anderen Sorte stammt, kann auskeimen und die Eizelle befruchten, sind Bienen für einen guten Fruchtansatz unerlässlich. Die Zahl der Bienenvölker ist aber in den letzten 20 Jahren derart zurückgegangen, dass eine normale Blütenbefruchtung, vor allem bei ungünstigem Blühwetter, nicht mehr gewährleistet ist. Für die Sicherung der Obsternten brauchen wir neue Imker!

Besondere Ereignisse und Personen Auch im gerühmten Riehener Klima bestätigt die Ausnahme die Regel und macht das Wetter manchmal Bocksprünge. So sind den älteren Leuten die verheerenden Hagelschläge der Jahre 1930 und 31 noch gut in Erinnerung. Beide Male wurden die Kulturen an Johanni, am 24. Juni, verwüstet. Dies gab den Anstoss zur Einführung der obligatorischen Hagelversicherung für alle Landwirte, wobei der Kanton 50% an die Prämien beisteuerte. Noch in frischer Erinnerung ist der starke Hagelschlag, der am Sonntag, den 5. Mai 1968, vor allem die nördlichen Gebiete Riehens und die Weiler Reben heimsuchte.

Der Dezember 1955, der Januar und die ersten Februartage 1956 waren viel zu warm gewesen, und die Bäume waren bereits im Saft, als innerhalb 40 Stunden die Temperatur von + 10 auf —20 Grad fiel. Dies hatte verheerende Folgen. Viele ältere Nussbäume, Kirsch- und Zwetschgenbäume fielen dem klirrenden Frost zum Opfer. Dass die grosse Kälte an und für sich von den Bäumen ohne Schaden ertragen werden kann, zeigte dann der Winter 1962/63, wo bereits der Dezember sehr kalt war und die Temperaturen im Januar und Februar extreme Tiefen erreichten.

An dieser Stelle gilt es auch, einiger Männer zu gedenken, die sich um die Pflege und Förderung des Obstbaues in Riehen verdient gemacht haben. In den meisten Kantonen waren mit der tiefgreifenden Revision des eidg. Alkoholgesetzes 1931 Zentralstellen zur Förderung und Umstellung des Obstbaues geschaffen worden, nicht aber in Basel-Stadt. Es war der Initiative des Riehener Primarlehrers Edouard Heyer zu verdanken, dass im Jahre 1944 die Kantonale Obstbaukommission ins Leben gerufen wurde, die er auch die ersten fünf Jahre präsidierte. Der früher erwähnte Robert Wenk löste ihn ab, und nach seinem Hinschied übernahm 1954 Jakob Sulzer dieses Amt. Nach einigen Jahren löste ihn Rudolf Rinklin, damals noch Verwalter des Landpfrundhauses, ab, und dieser übergab später das Szepter für 4 Jahre Emil Wenk, bis es durch dessen unerwarteten Tod im Jahre 1973 wieder an ihn zurückfiel.

Die Kantonale Obstbaukommission, ergänzt durch die vom Gemeinderat ernannte Kommission, ist dafür verantwortlich, dass die von der eidg. Alkoholverwaltung oder der Abteilung für Landwirtschaft zuhanden der Kantone erlassenen Weisungen in die Tat umgesetzt werden. Sie organisiert ferner Baumschnittkurse, publiziert auf die lokalen Verhältnisse und Bedürfnisse zugeschnittene Spritzpläne, wählt die für eine Subventionierung dem Gemeinderat vorzuschlagenden Pflanzenschutzmittel aus und gibt Ratschläge und Hinweise an die Interessierten durch regelmässige Mitteilungen in der Riehener Zeitung.

Dass gelegentlich Schopenhauers Ausspruch «Der Wegweiser muss nicht mitwandern» auch für Obstexperten gilt, hat Emil Wenk während seiner Präsidialzeit bewiesen. Es gehörte zu seinen Amtspflichten, die Verbraucher von Pflanzenschutzmitteln anzuhalten, immer sorgfältig Packungstext und Gebrauchsanweisung zu lesen, er selber aber verwechselte den Blattdünger Wuxal mit einem Herbizid und brachte beinahe seine Jonathan-Bäume um.

Ausbreitung und Niedergang Die grösste Flächenausdehnung des Rebbaues in der Schweiz und wohl auch in Riehen bestand im 19. Jahrhundert. 1884 besass die Schweiz 34 380 ha Reben, 1977 13 580 ha. In Riehen waren die Südhänge am Hungerbach, des Au- und des Moostales, grössere Parzellen südlich des Dorfes und der Schlipf mit Reben bestockt. Um die Mitte der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts setzte die Krise ein. Die anfänglichen Gründe lagen in der geringen Rentabilität wegen überproduktion und dem zunehmenden Konkurrenzdruck durch die Transportmöglichkeiten mit den rasch sich entwickelnden Eisenbahnen. Dann kam die Einschleppung des Falschen Mehltaus und schliesslich der Reblaus. Die Reblaus hat vor allem zu Beginn unseres Jahrhunderts viele Rebberge zerstört, und es fehlte an Anreiz zur Neupflanzung von Pfropfreben (europäische Sorten auf amerikanischen Unterlagen), denen die Reblaus nichts mehr anhaben konnte. In kleinem Ausmass wurde auf Reblaus- und auch weitgehend mehltauresistente Hybriden ausgewichen, so auch in Riehen, doch der Wein aus solchen Trauben erreicht nie die Qualität der europäischen Sorten.

In unserer Gegend war der Weisse Gutedel (Chasselas, Fendant) stark verbreitet, obschon er hier seine Qualitäten nicht wie im Wallis oder im Bassin lémanique voll entfalten kann. Er liefert normalerweise kleine, charakterarme Weine. Dass Riehener Reben etwas Besseres produzieren können, hat Hans Wenk, ein markanter Vertreter der früheren Winzergeneration, erkannt und im Schlipf erstmals Riesling x Sylvaner (in Deutschland nach seinem Züchter Müller-Thurgau genannt) und etwas Ruländer (Pinot gris) gepflanzt. Der Erfolg gab ihm recht, doch sein Tod im Jahre 1961 führte zum Abbruch des Experimentes. Rudolf Rinklin hat vor gut zehn Jahren die Idee wieder aufgegriffen und seither sukzessive seine alten Gutedel-Reben durch Riesling x Sylvaner ersetzt, doch ist diese Pflanzung im Schlipf bereits jenseits der Landesgrenze und kann daher nicht zu den Riehener Reben gezählt werden.

Die neue Ära: Der gemeindeeigene Rebberg
Als Freund der Rebe und des Weines hat den Autor diese Situation beschäftigt, und er reichte am 18. Oktober 1961 im Weiteren Gemeinderat einen Anzug ein, aus dessen Wortlaut nachstehend einige Sätze zitiert seien: «. . . Heute sind die einstigen Rebflächen auf wenige Parzellen im Schlipf zusammengeschmolzen, und es ist zu befürchten, dass bei gleichbleibender Entwicklung auch die Tage dieser letzten Zeugen einer einst blühenden Kultur gezählt sind . . . Ein erfolgreiches Beispiel der Wiedereinführung des Rebbaues hat vor ca. zehn Jahren der Kanton Luzern gegeben, . . . Dass die Gemeinde Riehen diesem Beispiel folge und etwas Erhaltungswürdiges vor dem Verschwinden bewahre, wünschen die Anzugsteller Dr. F. Bachmann, Dr. G. Ott, S. Wenk, A. Ursprung.»

Es hat bis zum 28. Februar 1979 gedauert, um dieses Anliegen zu erfüllen. An diesem Tag wurde dem Dorfparlament vom Gemeinderat eine entsprechende Vorlage unterbreitet und vom Weiteren Gemeinderat mit 23:3 Stimmen gutgeheissen. Im Mai wurde die erste Parzelle von gut 31 Aren im Schlipf mit Blauburgunder-Jungreben angepflanzt, und im Frühjahr 1980 werden weitere 151 Aren bestockt werden, wobei der grössere Teil auf den weissen Riesling x Sylvaner entfallen wird. Dieser erfreuliche Beschluss ist möglich geworden, weil die Gemeinde in jüngster Zeit im Schlipf verschiedene Landkäufe tätigen konnte und dazu noch zwei Landbesitzer bereit waren, ihr Land der Gemeinde für die Rebenpflanzung zu verpachten. Der gesicherte Umfang des Rebberges von 1,83 ha wird sich vielleicht noch vergrössern, wenn einmal die landschaftsprägenden Reben und ihre Produkte eine natürliche Propaganda entfalten.

Es bleibt mir zum Schluss die angenehme Pflicht, den Herren Rudolf Rinklin und Hans Sulzer herzlich dafür zu danken, dass sie mit ihrem Gedächtnis zum Gelingen dieses Artikels beigetragen haben.

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