1982

Die Architekten Gustav und Julius Kelterborn und die Villa Burgstrasse 117 in Riehen

Rolf Brönnimann-Burckhardt

Die Schöpfer der Villa Burgstrasse 117 in Riehen, Gustav und Julius Kelterborn, dürfen zu den hervorragenden Basler Architekten des späten Historismus gezählt werden. Ihr Vater war der bedeutende Historienmaler und Karikaturist Ludwig Adam Kelterborn, der sich 1831 in Basel niedergelassen hatte. Ihre Laufbahn als Architekten begannen die beiden Brüder getrennt. Aus diesem Grund sei ihr Wirken bis zu ihrer Assoziierung im Jahre 1889 auch getrennt skizziert.

Gustav Kelterborn (1841-1908) Gustav Kelterborn erhielt seine Ausbildung am Polytechnikum in Hannover. Wieder in Basel, wurde er vom damals erfolgreichsten Basler Architekten, Johann Jakob Stehlin d. J., als Bauführer am Bâloise-Versicherungsgebäude an der Elisabethenstrasse eingesetzt. Man darf annehmen, dass er wertvolle Anregungen von seinem erfahrenen Meister mitbekommen hat. Trotzdem oder gerade deshalb entschloss er sich, nochmals die Schulbank zu drücken. Er ging an die renommierte Bauakademie in Berlin, wo auch Johann Jakob Stehlin d. J. studiert hatte. 1872 eröffnete er ein eigenes Architekturbüro in Basel. Im Gegensatz zur Frühzeit des Historismus, also der ersten Jahrhunderthälfte, in der die Neogotik Mode gewesen war, fiel der Anfang von Gustav Kelterborns Schaffensperiode in die Zeit des Nebeneinanders der Baustile. In Deutschland hatte man gerade die deutsche Renaissance als nationalen Stil wiederentdeckt. In Basel beherrschte Johann Jakob Stehlin d. J. mit seinen neobarocken Bauten das Feld. Um so bemerkenswerter ist Gustav Kelterborns Vorliebe für gotische Formen und sein Festhalten an ihnen. Sein verspieltes, romantisches «Schlösslein» ( 1874) am Anfang der Hardstrasse ist ein schönes Beispiel für eine bestimmte, damals schon etwas aus der Mode gekommene Geschmacksrichtung im Wohnhausbau. Seine Kenntnisse der Gotik und seine Liebe zu ihr mögen massgebend gewesen sein, dass man ihm die Restaurierung der Predigerkirche und des Münsters übertrug. Eine damals neue und reizvolle Aufgabe war für ihn die Projektierung des Zoologischen Gartens.

Julius Kelterborn (1857-1915) Julius Kelterborn begann seine Laufbahn als Architekt zunächst auf dem Büro seines ältern Bruders Gustav. 1878 konnte er Erfahrungen als Mitarbeiter am Bau des Spalenschulhauses, früher genannt «Zum Jugendfleiss», sammeln. In den Jahren 1878-1880 studierte er an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Sein dortiger Lehrer, Oberbaurat von Leins, war ein Vertreter der italienischen Renaissance, was auf das Schaffen von Julius Kelterborn einen gewissen Einfluss gehabt haben mag. 1880 ging er daran, das Münster zeichnerisch aufzunehmen; diese Arbeit erschien 1895 im Druck. 1885 arbeitete er auf einem Berliner Architekturbüro. 1887 begab er sich auf die für die damaligen Architekten obligatorische Studienreise durch Italien.

Die Zeit der Zusammenarbeit Im Werk aus der Zeit der Assoziierung der beiden Brüder nehmen die in der Basler City erstellten Geschäftshäuser einen grossen Platz ein. An der Freien Strasse sind es die Liegenschaften «Zum goldenen C)rt»(Nr.l01), «Zum Platanenbaum»(Nr.72), «Zum blauen Mann» (Nr.44) und «Zu den Hörnern» (Nr.42). Es handelt sich dabei meist um fünfgeschossige, schmale Bauten in der Formensprache der Gotik, allerdings nicht einer archäologisch korrekten Gotik, wie diese an der Elisabethenkirche versucht worden ist. Jeder kunsthistorische Laie vermag sofort zu erkennen, dass es sich um typische Bauten aus der Gründerzeit handelt. Gotisch sind nur Details wie Fenster, Portale und Giebel. Diese Feststellung ist nicht als negative Kritik zu verstehen, weiss man doch, dass es den schöpferischen Architekten des Historismus nicht ums Kopieren historischer Vorbilder ging. Als der Wiener Dombaumeister und Schöpfer der Basler Hauptpost an der Rüdengasse, Friedrich von Schmidt, nach dem Stil seines Wiener Rathauses gefragt wurde, soll er folgende Antwort gegeben haben: «Wenn an mich die Frage gerichtet wird, in welchem Style das Rathaus gebaut sei, ob gothisch? - Ich muss offen bekennen, dass ich es nicht weiss! Wenn man mich früge, ob es im Style der Renaissance gebaut sei, so muss ich antworten, dass ich es nicht glaube: Wenn aber irgend etwas charakteristisch für den Styl des Baues ist, so mag es der Geist der Neuzeit im eigentlichen Sinne des Wortes sein ...» Dieses Zitat sagt alles und bedarf keines Kommentars. Das BauenKönnen) in den verschiedenen historischen Stilen ist ein typisches Merkmal der Architekten jener Zeit. Auf die Gebrüder Kelterborn trifft dies jedoch nur bedingt zu. Den im ganzen Historismus beliebte und auch in Basel häufig angewandte Renaissancestil finden wir nur an zwei Bauten der beiden Brüder, nämlich an der alten abgebrochenen Handwerkerbank (1901) am St.Alban-Graben und am Wohnhaus Arnold Böcklinstrasse 11. Neobarocke Bauten sind von den beiden keine bekannt. Von ihren zwei öffentlichen Bauten in Basel, dem Rheinschulhaus (1899/1902) und der Tramwartehalle (1908) am Aeschenplatz, ist der eine in gotischen Formen, der andere in einem charmanten Jugendstil gehalten. Eine gekonnte Mischung von Elementen der Gotik und Renaissance ist das Wohnhaus Bundesplatz 10 (1904). Dieser qualitätsvolle Bau kommt der Riehener Villa in vielem sehr nahe. Wohl die wenigsten Besucher des kürzlich nach einer langen Renovation neu eröffneten Historischen Museums in der ehemaligen Barfüsserkirche werden wissen, dass das Gewölbe des herrlichen Chors erst vor 92 Jahren entstand. Wir verdanken diese geglückte Rekonstruktion unsern beiden Neugotikern.

Die Villa Burgstrasse 117 in Riehen Das klassische Villenviertel Basels im 19. Jahrhundert war der nach dem Abbruch der Stadtbefestigung angelegte Geliert. Seine überbauung begann etwa in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts und zog sich bis in unser Jahrhundert hinein. Im 18. Jahrhundert war Riehen die von der Basler Oberschicht bevorzugte Gegend für ihre Landsitze. Diese Landhäuser wurden jedoch im Gegensatz zu den Geliertvillen, die ständig bewohnte Stadthäuser waren, nur im Sommer bewohnt. Die Neuentdeckung Riehens als Villenvorort Basels geschah eigentlich erst richtig zu Beginn unseres Jahrhunderts. Der Bau der Trambahn (1908) förderte diese Entwicklung. Die Villa an der Burgstrasse wurde 1898 erbaut, also zu einer Zeit, als Riehen noch eine kleine Reise von der Stadt Basel entfernt war. Diese Tatsache erklärt, warum Riehen relativ arm an gründerzeitlichen Villen ist.

Die dem Abbruch geweihte, in einem herrlichen Park gelegene Villa an der Burgstrasse 117 ist ein sehr interessantes Bauwerk, kündigt sich doch in ihr sehr schön die unmittelbar bevorstehende Abkehr vom Historismus an. Wohl finden sich da und dort noch Anklänge an die Gotik wie zum Beispiel die verschieden gestalteten Fenster. Mit den beiden Fachwerkgiebeln mit Krüppelwalm und Ründi wird bewusst auf die ländliche Architektur angespielt. Bemerkt man dann noch das an Palladio gemahnende Fenster im Ostgiebel, fragt man sich, was die Architekten eigentlich gewollt haben. Es wurde weiter oben schon darauf hingewiesen, dass Stilreinheit im Historismus nicht als Kriterium für die Qualität eines Bauwerks genommen werden kann.

Es gilt, das Bauwerk als Ganzes im Auge zu behalten und nicht am stilistischen Detail hängenzubleiben. Wie schon gesagt, war die Architektur zur Entstehungszeit der Villa im vollen Umbruch. Einerseits wurde versucht, mit dem Jugendstil, dem die Schwäche des Retortenhaften, Gekünstelten anhaftete, dem Historismus den Garaus zu machen. Anderseits glaubte eine andere Bewegung, die ihre Impulse vor allem aus England erhielt, ihre Vorbilder in der nationalen ländlichen Architektur suchen zu müssen. Hermann Muthesius (1861-1927), Architekt und Verfasser der Schriften «Das englische Haus» (1904) und «Das moderne Landhaus und seine innere Ausstattung» (1905), um die wichtigsten zu nennen, forderte mehr Eingehen auf Klima und Landesnatur. Grossen Wert legte diese Richtung auch auf die Verwendung natürlicher, ortsgebundener Materialien. Die Fenster- und Türeinfassungen der Kelterbornschen Villa bestehen aus rotem Sandstein, die Stützen der Terrasse auf der Ostseite und diejenigen des Vordaches über dem Eingang aus geschnitztem Holz und nicht aus Gusseisen, wie dies damals üblich war. Eine Hauptforderung der neuen Landhausbewegung, die malerische, asymmetrische Gliederung des Baukörpers und der Fassaden, erfüllt unsere Villa aufs schönste. Bei der ersten Begegnung mit diesem Haus hat man die grösste Mühe, sich eine Vorstellung von der Dach- und Hausform zu machen. Die Ostfassade und die Südfassade werden durch stark vorspringende, weit in die Dachzone vorstossende Risalite gegliedert. Die strassenseitige und die Westfassade mit dem Eingang sind flächig ausgebildet. Die unauffällige seitliche Anordnung des Eingangs zeigt, dass man auf jegliche repräsentative Wirkung verzichten wollte. Eine gegensätzliche Haltung demonstrieren die neobarocken Villen mit ihren axialsymmetrischen, reich ausgestalteten Portalen. Die innere Organisation der Villa entspricht zwangsläufig der äussern Erscheinung, also keine grundrisslichen Vergewaltigungen der Repräsentation zuliebe. Bewohnbarkeit und Behaglichkeit waren das angestrebte und auch erreichte Ziel. Die Ausstattung zeigt gediegenes handwerkliches Können. Holz spielt eine wichtige Rolle; so im schön gearbeiteten Treppengeländer, in der Vertäferung der Halle und vielen andern liebenswürdigen Details. Eine Kostbarkeit war der zwischen Kinder- und Wohnzimmer eingebaute Kachelofen mit seinen bunten, serienmässig hergestellten Kacheln mit Vogel- oder Spielmotiven. Er ist bereits demontiert, und die Kacheln sind in alle Winde zerstreut. Wie schon angedeutet, soll auch das Haus demnächst zerstört werden. Es ist bedauerlich, dass nicht mehr Verständnis für den Wert dieses reizvollen und interessanten Baus vorhanden ist und Riehen wieder um ein Baudenkmal ärmer wird. Man kann nur hoffen, dass wenigstens die seltenen und wertvollen Kiefern im Park geschont werden.

Literatur
Brönnimann, Rolf: Basler Bauten 1860-1910. Helbing & Lichtenhahn, Basel und Stuttgart 1973. Schweizerisches Künstler-Lexikon.

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