1982

Julius Ammann alias Sebastian Hämpfeli

Hans Krattiger

Die Wiederkehr des 100. Geburtstages von Julius Ammann am 24. März 1982 war für die Kommission der «Autorenabende in Riehen» ein willkommener Anlass, mit einer Gedenkfeier am 17. März 1982 im Bürgersaal des Gemeindehauses des Mannes zu gedenken, der sowohl als Dichter als auch als Pädagoge Hervorragendes geleistet hat. Wohl galt die Gedenkfeier, in deren Mittelpunkt die Ansprache von Prof. Stefan Sonderegger, Universität Zürich, stand, primär dem Dichter Julius Ammann, dem Verfasser zahlreicher Gedichte in Appenzeller Mundart, der unter dem Pseudonym Sebastian Hämpfeli aber auch Gedichte in «Bettiger Alemannisch» geschrieben hat, die seinerzeit in der Riehener-Zeitung und in der ehemaligen National-Zeitung, Basel, erschienen sind. Und doch gehören sie untrennbar zusammen, der Poet und der Pädagoge, und Julius Ammann selbst verstand sich in erster Linie als Erzieher, wie es aus einem selbstverfassten (unveröffentlichten) «Lebenslauf» hervorgeht, wo er bezüglich seiner Berufswahl schreibt: «Schon als Jüngling schwebte mir vor, einmal ein eigenes spezielles Schulhäuschen zu besitzen, in dem die Schulkinder ganz unter meinem Einfluss stehen würden. Oft genug kam mir daher der Gedanke, Waisenvater zu werden; vielleicht weil ich eben es erfahren hatte, was für ein Verlust es ist, elternlos zu sein.» Julius Ammann hatte als siebenjähriger Knabe seinen Vater und als neunjähriger seine Mutter verloren und wuchs als Vollwaise beim Grossvater mütterlicherseits, beim Weinhändler Johann Jakob Sturzenegger-Graf im «Schopfacker» in Trogen auf. Waisenvater wurde er zwar nicht, doch mit der Wahl zum Lehrer und Hausvater der Taubstummenanstalt für Schwachbegabte Kinder in Bettingen übernahm er ein nicht minder verantwortungsvolles Amt, dem er von 1910 bis zur Pensionierung im Jahre 1945 nicht nur mit restloser Hingabe, sondern auch erfolgreich diente, indem er auf dem Gebiet der Gehörlosenausbildung neue Methoden entwickelte.

Sein Dichtertum fasste er jedoch als «Liebhaberei» auf, wie er in seinem «Lebenslauf» schreibt: «Ebenso erfreut und dankbar war ich auch für die Gabe, die ich als Liebhaberei habe pflegen dürfen. Von den Versen, die ich für unsere gehörlosen Kinder machte, ging's weiter bis zu den Gedichtbändchen, in denen ich meine Jugendheimat preisen durfte.» Mit übertriebener Bescheidenheit spricht hier Julius Ammann von seinem angeborenen dichterischen Talent, das ihn zum anerkannten und bedeutsamsten Appenzeller Mundartdichter des 20. Jahrhunderts machte. Aber aus dem zitierten Satz geht hervor, wie er auch seine Dichtkunst als Teil seiner Erziehungsaufgabe sah, und wenn wir seine in vier Bänden erschienenen Appenzeller Mundartgedichte, aber auch die als Sebastian Hämpfeli verfassten Ge dichte überblicken, spüren wir bei aller Heimatliebe und allem Humor, bei aller Schilderung von Menschen und Bräuchen die Gesinnung des Erziehers Julius Ammann.

Lebensweg und -werk von Julius Ammann überdenkend, fällt unwillkürlich die Parallele zu Johann Peter Hebel (1760-1826) auf. Wie Hebel nicht in seinem Heimatort Hausen, sondern in Basel zur Welt kam, wurde Julius Ammann nicht im Toggenburgischen Mosnang, sondern in Gossau geboren; er war also väterlicherseits St. Galler Bürger und erst noch katholisch. Wie Hebel verlor auch Julius Ammann in jungen Jahren seine Eltern, und wie Hebel seine «Alemannischen Gedichte» «in der Fremde», nämlich in Karlsruhe, schrieb, so entstanden Ammanns «Appezeller Spröch ond Liedli» ebenfalls «in der Fremde», nämlich in Bettingen, wo er den grössten Teil seines Lebens verbrachte und dessen Bürgerrecht er auch erwarb. Im Appenzellischen, das er als seine eigentliche Heimat betrachtete und wohin es ihn immer wieder mit seiner Familie zog, lebte er nur vom siebten bis zum 16. Lebensjahr, als er im Hause seines Grossvaters Sturzenegger wohnte und wo er - mütterlicherseits ein «Usserrhödler» - auch protestantisch wurde. Die ersten Jahre verbrachte Julius Ammann in Bern und in Zürich, wo sein Vater, ein gelernter Buchbinder, ebenfalls als Weinhändler tätig war. Nach dem Besuch der Kantonsschule in Trogen trat Julius Ammann im Frühjahr 1898 ins Evangelische Lehrerseminar Unterstrass in Zürich ein, wo er vom väterlichen Freund, Pfarrer Gut, «auf das dankbare Gebiet der Blinden- und Taubstummen-Erziehung» hingewiesen wurde. Und in seinem «Lebenslauf», den er unter das Psalmwort «Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln» (Psalm 23,1) stellte, schreibt Julius Ammann: «So fasste ich im Seminar den Plan, mich dieser Menschengattung zuzuwenden. Und wieder war es der Herr, mein Hirte, der mich an diesen Posten rief. Denn nun erschien im entscheidungsvollen letzten Seminar jähr der Inspektor der Taubstummen-Anstalt Riehen, der einen oder gar zwei Lehrer suchte. So entschloss ich mich im Frühling 1902, die Stelle eines Lehrers an dieser Anstalt anzunehmen.» Acht Jahre lang wirkte Ammann in Riehen, wo er die Erfahrungen sammelte, die ihm dann als Leiter der Taubstummenanstalt in Bettingen zugute kamen.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass sich Julius Ammann seiner neuen Wohn- und Heimatgemeinde während 28 Jahren - von 1925 bis 1953 - als Gemeindeschreiber zur Verfügung stellte und in dieser Funktion die Umwandlung Bettingens aus den noch mittelalterlich anmutenden Zuständen in die Neuzeit miterlebte und mitgestaltete. Auch in diesem Dienst an seinen Mitmenschen wurde er unterstützt von seiner Lebensgefährtin, der Baslerin Alma, geborenen Zisch, die er während Ferien im Rietbad, in der alten Heimat, kennengelernt, 1911 geheiratet und die ihm vier Kinder geschenkt hatte.

Aber mehr noch als die äusseren Merkmale wie früher Verlust der Eltern und Entfaltung der Dichtkunst «in der Fremde» drängt sich ein Vergleich mit Johann Peter Hebel vom Gehalt der Ammannschen Dichtung her auf, von der Gesinnung, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht. In seinem Referat anlässlich der Gedenkfeier in Riehen nannte Prof. Stefan Sonderegger drei Merkmale, die das «völlig unprätentiöse Dichterische unseres Mundartlyrikers» auszeichnen: «Das Religiöse, die Erfahrung Gottes aus tiefer innerer Frömmigkeit heraus; das Humane, praktiziert ein Leben lang im Humanitären des Menschenfreundes Julius Ammann, voll Verständnis, voll Hilfsbereitschaft, voll Trost, ja voll versöhnlichen Humors; das Heimatliche seines jugendlichen Ausgangspunktes...» Sind es nicht diese drei Merkmale, die auch Hebels Dichtung kennzeichnen: das Religiöse, das Humane und das Heimatliche? Es ist deshalb sicher nicht verwegen, Julius Ammann als «Hebel des Appenzellerlandes» zu titulieren.

In seinen «Erinnerungen an <Papa Ammann>» (erschienen in der RZ Nr. 10 vom 12. März 1982) schilderte Jules Ammann, wie sein Vater zu dichten pflegte: «Wenn Pegasus an seiner Türe klopfte, zog es den Vater hinaus, und auf einem Spaziergang - mit auf dem Rücken verschränkten Händen - entstanden die Gedichte, die er dann zu Hause niederschrieb.» Es sind vor allem die Gedichte, in denen er sein Appenzellerland besang, in seiner Muttersprache, die er auch als Bettinger Bürger weder verlor noch preisgab. Und wir staunen über die Vorstellungsgabe des Dichters, dem auch fernab der Heimat das Bild der heimatlichen Landschaft und Dörfer so deutlich vor Augen stand, dass es ihm offensichtlich nicht Mühe bereitete, sich das, was er in Worten ausdrücken wollte, zu vergegenwärtigen.

Sein erster Gedichtband «Tar i nüd e betzeli? Appezeller Spröch ond Liedli» erschien zwar 1922 beim Verlag R. Zacharias in Magdeburg. Da aber diese erste Ausgabe zu einem durchschlagenden Erfolg im Appenzellerland wurde und bald vergriffen war, erschien die zweite Auflage bei Otto Kübler in Trogen, und die nachfolgenden drei Gedichtbände wie auch die Gesamtausgabe, ergänzt durch 50 Gedichte aus dem Nachlass, 1976, erschienen im Verlag Schläpfer & Co., Herisau. Bereits 1930 kam der zweite Gedichtband unter dem Titel «Jetz wemmer ääs jodele» in den Buchhandel, 1937 folgte der dritte Band, in dem Julius Ammann unter dem Titel «En neue Appezeller Rondgsang» einen Rundgang durch Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden machte und jedes Dorf und seine Eigenheit mit einem Gedicht würdigte. Es bedurfte vielleicht der räumlichen Distanz zwischen Säntis und Chrischona, um sich so auszudrücken, wie es der Dichter als Frucht einer Reise im «Vorwort» sagt:
Drom so han i ganz verstole
do ond dei en Ufnahm gnoh.
Will die Bildli usehole,
wie se si hend mole loo.

Es dauerte dann 16 Jahre, bis der vierte und letzte Gedichtband (1953) erschien, und es ist der alternde Julius Ammann, der unter dem Titel «Appezellerländli, du bisch so tonders nett» noch einmal seinem lebenslangen «Hääweh» Luft macht, nun aber vorwiegend in besinnlichen Gedichten, in denen die Blicke des Dichters schon auf das gerichtet sind, was «änedra» ist. Auf dieses «änedra» vorbereitet, starb Julius Ammann am 22. Juli 1962 in seinem 81. Lebensjahr in einem Basler Altersheim. In seinen Gedichten, die um ihrer geschliffenen Lyrik und um ihres geistigen Gehaltes willen zeitlos gültig sind, lebt er weiter, vor allem in seiner engeren Heimat, dem Appenzellerland, wo seine Gedichte, vielfach vertont, heute noch gelesen und gesungen werden, aber auch in seiner Wahlheimat, in der er als Erzieher, als Gemeindeschreiber und als Sebastian Hämpfeli unverwischbare Spuren hinterlassen hat.


Gedichte von Julius Ammann in Appenzeller Mundart

s Landsgmäänd-Hääweh

Ond jedesmol om d Landsgmäändzit,
do werds äm ääge z Muet.
In alle Ödere rodt si frisch
s gsond Appezellerbluet.

Wär än au muetterseel elää
wiit osse of em Meer
en Lebesfunke vo dehääm
zockt ääsmols dör en dör.

Es rüefid äm die Gmäände zue;
dr Alpstää stolz ond frei:
Hoi du! Willkomm! Willkomm bi n üüs!
S ischt halt en ander Lei.

Du gsiehscht di ganzi Jugedzit
met alem drom ond dra.
Oogsinnet stimmscht du
s Landsgmäändlied
os vollem Herze n a.


En Abbild vom Lebe

Mengmool chood mer s Lebe
vor wie n e Stickerei.
Hebsch si de verchehrteweg,
heds au gär kei Lei.

Do göhnd d Fäde dörenand,
chonnscht kä betzli dross;
wääscht nüd, wos dr Aafang need,
niene fendscht en Schloss.

Aber träit me d ärbet om:
Lueg, ischt das e Pracht.
Jedes Stichli of e Topf
wie vom Künschtler gmacht.

Wenn d au määnscht, diis Lebe
sei ohni Sinn ond schlecht.
Of der ääne Siite, wääscht,
isch es meh as recht.

 
Gedichte von Sebastian Hämpfeli in Bettinger Mundart

Uf em «Länze»

Gar lieblig isch es, uf em «Länze»
Spaziereluege über d'Gränze.
Do chasch mit Sibemeileschritte
ins Dütsch, in d'Schwyz, uf Frankrych ryte;
In Schwarzwald, Jura, in d'Vogese.
Wie wenn dr Rhy wott d'Wält erlöse
vom Stryt, so goht er mitts dur d'Gränze;
me seht en z'Märt und z'Istei glänze;
e Silberband, wo möcht verbinde.
O hätt me doch kei Hass und Sünde!
D'Chrischone-Chille hör y lüte,
isch's nit e Gruess us Fridenszyte?
Wer luegt dort übere Jura yne
im wysse Chleid mit ernschte Myne?
D'Schneebärge sy's, die wei eus mahne
an d'Ewigkeit; denn lueg durane,
si isch im Himmel, isch uf Erde.
Weisch, jede Möntsch möcht selig werde.
Gar lieblig isch es, uf em «Länze»
Spaziereluege über d'Gränze.


E Früehligszeiche

In aim fürt lütet's hüt am Huus,
me kennt sich sälber chum meh uus:
Jetz Gmainischryber, jetz git's z'tue,
das bringt di us dr Winterrueh.
Do chôme si, die junge Lüt:
Merksch öppis, 's isch halt Früehligszyt.
Do git e Päärli 's Hochzyt a,
muess glaitig no d'Empfählig ha.
Wie luege die so haiter dry,
trotz Chrieg isch d'Wält voll Sunneschy.
Und andri, die sy nit so wyt,
si lüpfe d'Fäckli o, 's isch Zyt.
Y sott my Haimetschyn jetz ha,
's muess öppis goh, was foot me-n-a?
In d'Lehr, ins Wältsch und ane Platz.
Was no dihaim? Das wär für d'Chatz!
Und isch ringsum o Chrieg und Not,
's isch guet, as 's Labe wyters goht,
's isch guet, as eusri junge Lût
no glaube an e bessri Zyt.
Sich wacker wehre, sälb isch 's Beseht:
Hopp, use us em warme Nascht!


E Dorfbildli

De Bus het kehrt. Si schwärme-n-uus und schnuufe:
Mir sy do. Furt vo der Hitz us däre Stadt,
wie macht eim d'Landluft froh!

In Wald, in d'Wirtschaft, wie's eim gfallt,
en Bummel über Faid.
Und mängem Päärli stoot's im Gsicht:
Mir woge's! Eus isch d'Wält!

E Buurewybli müed und alt
luegt däne Lütli no,
druf gsehsch si mit eme Mayestock
zum Gottesacher goo.

Voll Hoffnig ziehn die Ainte uus:
Mir sy zur Fahrt bereit!
Und 's Wybli nickt: Verby, verby,
dänkt still a d'Ewigkait.


Im Bluescht

Und immer blybt me drunder stoh,
cha schier de Blick nit lo dervo.
Dä Baum voll Bluescht, voll Duft und Glascht
verschänkt sich ganz mit Zwyg und Ascht:
Gsehsch au, wie guet y's main und mach?
Ai Stärnehimmel isch my Dach.
Und stuunt me z'Nacht dr Himmel a,
wie amene Blueschtbaum hängt's do dra,
e Chrone, schier wie überschneit,
wo Millione Stärnli treit.
E Himmelrych, wo sich verschänkt
voll Freud und Troscht. Hesch scho dra dänkt?



's haimelig Stübli


Y waiss e haimelig Stübli
hoch überem grüene Wald;
bisch du emol dort inne,
denn waiss y, ass dr gfallt.

's cha jedes gschwind dort wohne,
's nimmt alli gärn uf Bsuech;
luegsch du dort obe-n-use,
isch's wie im Märlibuech.

Lueg, hinderem Jura d'Alpe,
dervor 's ganz Baselbiet
's isch d'Schwyz, dy schöni Haimet,
grad wie-n-e Schöpfigslied.

Aernscht uf dr änre Syte
dr Schwarzwald, 's Wiesetal
Do dänksch an Peter Hebel,
waisch no: Es war einmal...

Graduus dr Rhy so mächtig,
d'Vogese, 's Frankeland,
d'Rhyebeni so prächtig,
und doch alls binenand.

Loos! 's Glöggli schloot!
Und 's Stübli wird aim zur Chanzle do:
Herrgott, erhalt's im Fride,
mach zfride-n-eus und froh.

's Chrischone-Chilchturmstübli
luegt über Wald und Faid.
Der Herrgott zeigt dr d'Heimet
und duss die wyti Wält.

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