1986

Die Malerin und Graphikerin Faustina Iselin

Dorothea Christ

Am 4. Juni dieses Jahres wurde der Kulturpreis der Gemeinde Riehen pro 1985 der Malerin und Graphikerin Faustina Iselin verliehen. Er wurde der Künstlerin als Anerkennung für ihr Schaffen zugesprochen und damit das Werk einer 70jährigen geehrt, das sich in Jahrzehnten konsequenter Arbeit entwickelte. Ein unfreundlicher, vermutlich unbedachter Pressekommentar bekrittelte die Praxis einer Preisverleihung, die nicht nur ausschliesslich junge, werdende Begabungen fördert, sondern auch reifen, «alten» Künstlern Anerkennung und Dank zuteil werden lässt. Vielleicht dienen solche Querelen letztendlich der jederzeit notwendigen Besinnung darauf, was «Kultur» sei und inwiefern die öffentliche Hand sie anerkennen und stärken könne. Ist Kulturförderung eine Generationenfrage? Eine soziale Angelegenheit? Entwicklungshilfe oder auch noch Anerkennung und Dank? Darf sie nur Einstieg ins Risiko bringen oder auch abgeschlossene Leistung würdigen im Sinne von Zustimmung und Auszeichnung? Das sind Fragen, die sich auch alljährlich in der Praxis der kantonalen Kunstkredite stellen - überall eigentlich, wo nicht ein ganz spezifisches Ziel die Richtung angibt. Die Gemeinde Riehen hat sich dazu entschlossen, sowohl Förderung wie Anerkennung zu leisten und damit auch die kategorische Rubrizierung zu umgehen, die so leicht zu Einengung und Routine führt. Aufgrund derartiger Fragestellungen ist der Riehener Kulturpreis 1985 an eine mit Riehen eng verbundene Künstlerin gegangen, deren Alterswerk dem früher Geschaffenen wirklich etwas beizufügen hat.

Im 1961 abgeschlossenen ersten Band des Künstlerlexikons der Schweiz finden sich knappe Angaben unter dem Namen «Iselin, Faustina, Malerin und Graphikerin, geb. 1915 in Basel, ansässig in Riehen... ». Diese Angaben stimmen, auch Riehen als Wohnsitz zur damaligen Zeit. Was als Charakterisierung weiter folgt, ist eher dürftig und mündet in eine merkwürdig verfehlte, summarische Kennzeichnung «...malt im Geiste des Nachimpressionismus...». Da hat der Lexikonbearbeiter unscharf gesehen wenn er nicht mehr wusste, ist ihm dennoch kein Vorwurf zu machen. Sondern eher der Künstlerin selber; sie zählt zu den vielen kreativen Künstlern, die voll in der jeweiligen Gegenwart mit ihren Aufgaben und Erlebnissen stehen, den Gehalt des Erfahrenen und Erlebten auch durchaus bewahren und darauf weiterbauen - jedoch zu Jahreszahlen kein Verhältnis haben und über Abgeschlossenes nicht Buch führen. Es bleiben Erinnerungen an Gelungenes und Misslungenes; es bleiben Erfahrungen, aus denen Konsequenzen gezogen werden. Es bleibt vor allem eine grosse Offenheit für Neues. Darüber vergisst eine Faustina Iselin - man darf wohl sagen: zum Glück, weil sich damit auch die Unbefangenheit einer Jungbleibenden bewahrt dass sie einen ansehnlichen Katalog von Leistungen aufzuweisen hätte und dass sie sich auf vielen Gebieten künstlerisch betätigte. Aus dieser Vielseitigkeit konnte sich eine Persönlichkeit formen, die das Werk der Malerin und Zeichnerin durchdringt.

Geboren wurde Faustina Iselin in Basel als jüngste Tochter des Chirurgen Hans Iselin und der Malerin Gustava Iselin-Haeger. An der Birmannsgasse steht das Elternhaus, in dem der ältere Bruder Klaus seine Kinderarztpraxis führt, und im Dachgeschoss des angrenzenden Neubaus hat heute die Künstlerin ihre Atelierwohnung, hell und mit weiter Aussicht bis zum Jura. Dennoch ist Riehen zur zweiten Heimat für Faustina Iselin geworden. Sie war kaum mehr als ein Jahr alt, als Professor Iselin am Hackberg in Riehen das ideale Häuschen fand, in dem seine Kinder vom Frühjahr bis in den Herbst in noch ländlicher Umgebung gesund und in frischer Luft aufwachsen konnten. Bis zum neunten Lebensjahr verlebte dort Faustina Iselin ihre frühe Kindheit - frei in einem heut unvorstellbaren Mass, denn erst später wurde Faustina in die Töchterschule in Basel gesteckt, vorher wurde sie zu Hause unterrichtet. Fröhliche und schreckliche Erlebnisse, wie sie eben zum Heranwachsen gehören, verbinden Faustina Iselin mit Dorf und Umgebung von Riehen.

Später wurde Riehen wiederum für mehr als ein Jahrzehnt zur Heimat der Künstlerin. Nach dem Tode des Va ters 1953 zog sie mit ihrer Mutter wieder ins HackbergHaus, um es erst nach dem Ableben der Mutter 1964 zu verlassen. Für wie viele Menschen ist das Haus in Riehen zum Ort geworden, wo sie sich aufgenommen fühlten und miterleben konnten, was die beiden Künstlerinnen beschäftigte. Wie viele wunderbare Sträusse haben aus dem Garten am Hackberg den Weg zu Freunden gefunden, wieviele Zeichnungen und Bilder sind hier entstanden. Der Abschied vom Hackberg mit dem weiten Blick in die Rheinebene war traurig - aber auch nach der Ubersiedlung nach Basel riss die Verbindung zu Riehen nicht ab. Freunde und Verwandte leben und lebten hier.

Faustina Iselin hatte das Glück, in einem Milieu aufzuwachsen, in dem Kunst, Musik, geistige Interessen eine grosse und selbstverständliche Rolle spielten, aber ebensosehr die Verbindung mit der Natur. Das Bauernhaus in Bergalingen über Säckingen in der damals noch ganz unverdorbenen Schwarzwaldlandschaft wurde zur Sommerheimat; später das «Fontanino» am Berghang hoch über Brissago. Das sind Bezugsorte, an denen nicht nur Ferien verlebt, sondern auch gearbeitet wurde, wo Gartenarbeit und Malen sich abwechselten und wo sich die unsentimentale, natürliche und tiefe Beziehung zur Natur vertiefen konnte. Ohne sie sind die Landschafts- und Blumenbilder von Faustina Iselin nicht denkbar. Die Stadt und ihr Lebensraum spielen eine gleichwertige Rolle. Auch die berufliche Ausbildung vollzog sich in Städten. Dem Mädchengymnasium am Kohlenberg, in dessen Lateinklasse sich das Kind trotz der unkonventionellen Vorbereitung durch Heimunterricht problemlos einfügte, kehrte Faustina Iselin nach ihrem 16. Geburtstag wieder den Rücken: sie erwies sich eindeutig als eine optisch und manuell begabte Natur. So wechselte sie in die Basler Gewerbeschule über, absolvierte Vorkurs und Graphikfachklasse und bekam damit eine Ausbildungsgrundlage, die sich bewährte. Das breite Spektrum von Fächern, das damals wie heute an den sogenannten «Kunstklassen» vermittelt wird, ist erstaunlich. Und noch erstaunlicher, dass durch den systematischen Unterricht die Individualität einer Begabung - wie zögernd sie sich auch entwickeln mag - nicht erstickt wird. Jedenfalls empfand das Faustina Iselin selber sehr deutlich, als sie nach ihrem Abschluss der Gewerbeschuljahre nun als knapp Zwanzigjährige im September 1935 an die Akademie nach Berlin kam. Lehrer wie Karl Hofer, Oskar Hadank, Ernst Böhm hatten schon manche Basler an die Hochschule für bildende Künste nach Berlin gezogen. Für Faustina Iselin war es gleichzeitig ein Eintauchen in die Jugendwelt ihrer Mutter, die in Berlin aufgewachsen und sich dort als Meisterschülerin von Max Liebermann zur Malerin ausgebildet hatte. Die Vielseitigkeit und gründliche Systematik, wie sie im Basler Unterricht gepflegt wurden, fanden sich dort nicht. Aber die Akademie bot «Professoren-Klassen», und starke Lehrerpersönlichkeiten führten die Kunstschüler weiter. Der Graphiker Ernst Böhm, dessen Klasse auch über eine gute Druckwerkstatt verfügte, wurde zum wichtigsten Lehrer für Faustina Iselin. Politische Verdunklung und unerträgliche Einschränkungen in Lehrfreiheit und Materialvermittlung brachten aber immer mehr Druck und Beengung. Im Sommer 1936 kehrte Faustina Iselin nach Basel zurück.

Sie arbeitete nun eine Zeitlang als Gebrauchsgraphikerin in einer Druckerei und machte dabei die nützliche Erfahrung, dass Selbständigkeit und Phantasie wenig gefragt sind in einem rationell arbeitenden Betrieb. Ausgleich dazu bot die Mitarbeit an Karl Gotthilf Kachlers Studententheater, wo Faustina Gehilfendienste in allen Sparten leistete. «Theater in schwieriger Zeit» war in mehr als einer Beziehung eine begeisternde Unternehmung: eine Laientruppe, die erstmals unter Kachlers Leitung die Praxis antiker Schauspielkunst des Agierens in Masken aufnahm, ein Theater auch, in dem man sich gegen den Druck der politischen Umstände wehren konnte.

Dann wurde nochmals ein Auslandaufenthalt möglich, bevor die Grenzen sich schlössen: Weiterbildung an der Ecole Paul Colin in Paris. Ihren grossen Erfolg verpasste die 24jährige souverän: im Plakatwettbewerb für die Foire de Paris gewann sie als einzige Studentin der Ecole Colin einen Preis, den zweiten Preis des offenen Wettbewerbs, erfuhr das aber erst durch eine Zufallsbegegnung mit fröhlich-johlenden Kollegen auf den Champs Elysées «...on fête ton prix...» - sie selber war bei der Resultatverkündigung nicht auffindbar gewesen, hatte wohl niemals einen Erfolg erwartet.

Nach der Rückkehr arbeitete Faustina Iselin eine Weile lang bei Max Sulzbachner. Heute denkt vor den in den letzten Jahrzehnten entstandenen Zeichnungen und Bildern wohl kaum mehr jemand daran, dass sie einst als vorzügliche Gebrauchsgraphikerin ihre Laufbahn begann. Zwischen 1945 und 1962 errang sie mehrfach Preise und Ausführungsaufträge für Bundesfeier- und Pro Juventutemarken. Es mussten - wie später durch Kunstkreditwettbewerbe und Aufträge - oft Anstösse und Herausforderungen an Faustina Iselin kommen, bis sie sich genügend Selbstsicherheit zur Bewältigung einer Aufgabe zutraute. Ist das ein gravierender Nachteil auf dem Entwicklungsweg eines Künstlers? Als Faustina Iselin nochmals an die Gewerbeschule ging, um sich nun intensiv mit Malerei, Farblehre und anatomischem Zeichnen auseinanderzusetzen, nahmen ihre Lehrer Arnold Fiechter und Walter Bodmer sie in eine harte Schule: «... sie waren Kujone, sie wollten mich fordern, weil sie mir etwas zutrauten, was ich mir selber noch nicht zutraute...» - nämlich konsequentes Arbeiten als freischaffende Künstlerin. Erst die Zeit erweist oft, ob Selbstkritik und Aussagewillen ihr Gleichgewicht auf eine Weise finden, dass lange Phasen der Zurückhaltung und des Zögerns sich rechtfertigen.

Gerade das Schaffen der letzten Jahre bezeugt bei Faustina Iselin die Rechtmässigkeit ihres Sich-nicht-Drängenlassens. Sie hat sich niemals weder auf eine andere Sicht, noch auf eine Formensprache eingelassen, als auf die ihr gemässe. Während Basler Kolleginnen wie Maly Blumer, Madja Ruperti, Julia Ris sich vom Figürlichen zur Abstraktion wandten, blieb Faustina Iselin ihrer gegeständlichen Bildsprache treu und musste es auf sich nehmen, dass sie im Schwung der 60er Jahre zwar als «solid», aber «altmodisch» taxiert wurde. Inzwischen hat sich das Rad wieder gedreht - Faustina fragt aber weder danach noch nach verpassten Chancen; Landschaft, Figuren, Gegenstände sagen ihr etwas, und sie verspürt keine Notwendigkeit, sie durch andere Zeichen zu ersetzen. Sie bieten genügend Spielraum, und als Persönlichkeit ist Faustina Iselin offen für so viele Interessen und Eindrücke, dass sie sich vor Erstarrung nicht zu fürchten braucht.

Genau dies führte auch zu verschiedenartigen Tätigkeiten. Seit 1943 wirkt sie beim Basler Marionetten-Theater mit: als Maskenbildnerin und Spielerin. Von 1954 an hat sie während dreiundzwanzig Jahren beim «Larven-Tschudi» Künstlerlarven für Cliquen und Private gemalt. Das war, wie bei vielen Basler Künstlern, auch eine finanzielle Notwendigkeit, brachte jedoch Kontakte mit Kollegen, mit Auftraggebern, mit Materialien und besondern Techniken. Dass viele Auslandreisen und Arbeitsaufenthalte das Gesichtsfeld erweitern und die Erlebnisbasis verbreitern, liest man an ihren Zeichnungen ab. Vielleicht könnte man das alles dem Bereich «Zersplitterung» oder «erfreuliche Betriebsamkeit» zuordnen - wenn nicht gleichzeitig die Prägnanz der Formulierung und das Gewicht der innern Aussage zunehmen würden. Und darauf kommt es ja letztlich bei der Relevanz eines künstlerischen Œuvres an.

Wie verhält es sich mit der Lexikon-Schablone, die vor 25 Jahren so abschliessend klang «...malt im Geist des Nachimpressionismus...»? Mit Impressionismus hatte das, was Faustina Iselin zeichnete und malte, nie etwas zu tun. Ausser vielleicht die Gemeinsamkeit, dass Natureindrücke, Landschaft und Stadtansichten Anregung boten und zur Auseinandersetzung reizten. In den frühen Malereien spielt die zeichnerische Struktur eine grosse Rolle, und gezeichnet wurde ohne Sentimentalität und ohne falschen Schmiss in der kantigen, fast borstigen Sprache der 30er Jahre. Klare Bildkomposition ist auch heute noch wichtig. Aber Blickwinkel und Malweise veränderten sich. Auch die Thematik wandelte sich. Das Gewicht hat sich vom Charakterisieren zum Interpretieren verlagert. Ein grosses Thema beherrscht in den letzten Jahren Faustina Iselins Gestalten. Es wird besonders deutlich in den Terrassenbildern vom hochgelegenen «Fontanino» mit der Sicht über den Langensee hinüber zu den Bergketten des jenseitigen Ufers. Auch in den Fensterbildern und den Interieurs spricht sich aus, dass nun der Bezug zwischen Ferne und Nähe, zwischen Innen und Aussen, zwischen Greifbarem und Unerreichbarem zum grossen Thema geworden ist. Die häuslichen Motive wandeln sich zu Bedeutungsträgern. Im grossen Wandbild für die PUK, die Psychiatrische Universitätsklinik Basel, das das Motiv der vier Jahreszeiten in vier Feldern mit belaubtem und kahlem Geäst vor der Fernsicht behandelt, tritt das 1978 deutlich hervor. Das Element der strengen, graphischen Struktur ist zur musikalischen Notation geworden. Faustina Iselin kann nun ihre darstellerischen Mittel zur Verdichtung des Stimmungsgehalts souverän einsetzen. Und weil die «äussere» Wirklichkeit sie immer ebenso interessiert hat wie die «innere» - vielmehr weil sie beides als Einheit empfindet, löst sie sich dennoch nicht vom Gegenständlichen. In ihren Bildern soll die gefundene und erlebte Einheit sichtbar und zur Mitteilung an andere werden.

Es ist ein langer Weg über fünf Jahrzehnte, der zu den Werken der letzten Jahre führt. Er wurde mit Fröhlichkeit und Bedenken, mit Zögern und Hartnäckigkeit zurückgelegt. Und ohne Aufsehen zu erregen und ohne Eclats. Und sogar so, dass der Betrachter mitgehen und miterleben kann.

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