1992

Museum im Wettsteinhaus

Vera Stauber
Franziska Mathis

Zur Neugestaltung des Spielzeugmuseums und des Dorf- und Rebbaumuseums Riehen
1958 erwarb die Gemeinde das Wettsteinhaus, das von 1968 bis 1971 renoviert wurde und seit 1972 das Spielzeug- und Dorfmuseum beherbergt1). Seit diesen Anfängen ist das Museum ein Gemeinschaftswerk der Gemeinde Riehen und des Schweizerischen Museums für Volkskunde in Basel, das einen Teil seiner Spielzeugsammlung hier ausstellt.

Im Hinblick auf das zwanzigjährige Bestehen des Spielzeug- und Dorfmuseums im Januar 1992 überlegte sich die Museumskommission, wie dem Museum nach den vielen Jahren unveränderten Daseins ein neues Gesicht gegeben werden könnte. Der Bau eines Ausstellungs- und Kulturgüterschutzraumes, der die Ausstellungsfläche um 230 Quadratmeter vergrösserte, begünstigte das Projekt. Das Museum hat nun eine gesamte Ausstellungsfläche von gut 900 Quadratmetern, wovon etwa 500 Quadratmeter dem Spielzeugmuseum zufallen.

Im Mai 1989 genehmigte der Einwohnerrat einen Kredit von 1,7 Millionen Franken für die Neugestaltung des Museums. Am 30. Dezember schloss das Museum bis Ende März 1992 für die öffentlichkeit seine Tore. In dieser Zeit gingen unzählige Handwerker ein und aus, wurden kilometerlange Leitungen verlegt, tonnenweise Glas zu Vitrinen zusammengesetzt und Kessel um Kessel Farbe verwendet.

Der leicht veränderte Name des Museums in Spielzeugmuseum, Dorf- und Rebbaumuseum im Wettsteinbaus Rieben erlaubt nun, die unterschiedlichen Abteilungen besser zu trennen und das Rebbaumuseum als eigenständige Abteilung zu kennzeichnen. Damit ist klar dokumentiert, dass das Museum auch in Zukunft seine Dreiteiligkeit behält. Ebenso wird die Zusammenarbeit mit dem Schwei zerischen Museum für Volkskunde weitergeführt. Das Angebot im Spielzeugmuseum wird durch über 400 Teddybären ergänzt, die dem Museum als langjährige Leihgabe des Basler Sammlers Lawrence Landolt zur Verfügung stehen.

Kostbarer Inhalt in prächtiger Schatulle
Das Museum hat einige grundlegende änderungen erfahren. Die Spielzeugsammlung der Gemeinde, die durch die Präsenz des Museums in Riehen und dank grosszügiger Donatoren jährlich anwächst, ist mit ihren schönsten Objekten in die Sammlung des Volkskundemuseums integriert worden. Das Konzept geht über die Präsentation museumswürdiger Objekte, die unnahbar auf einem Podest stehen, hinaus. Das Museum ist hier ein lebendiger Ort, an dem sich alt und jung bei einem Thema begegnen, das für alle Menschen von Bedeutung ist: dem Spielen und dem Spielzeug. Schlichte Vollglasvitrinen, die eigens entwickelt wurden, lassen auch für Kinder eine grösstmögliche Nähe zum Objekt zu. Und immer wieder findet man neben diesen Vitrinen nach alten Vorlagen nachgebautes Spielzeug, das ausprobiert und mit dem gespielt werden darf. Ein Spielzimmer lädt dazu ein, an verschiedenen Tischen Gesellschaftsspiele auszuprobieren. Auch im Hof stehen verschiedene althergebrachte Spiel- und Freizeitgeräte wie Stelzen und «Seiligumpi» zur Verfügung. Sie machen dem Besucher bewusst, dass kreatives und fröhliches Spielen nicht von unserer ausgeklügelten und hochtechnisierten Freizeitindustrie abhängt.

Das Thema Spielzeug ist vielfältig und erlaubt die verschiedensten Betrachtungsweisen, seien sie historischer, soziologischer, psychologischer, ethnologischer oder pädagogischer Art. Die Ausstellung ist thematisch in drei grosse Abteilungen unterteilt. Zuerst findet sich der Besucher mitten im technischen Spielzeug und damit in einer Welt, die immer auch den industriellen Fortschritt widerspiegelt hat: Modelleisenbahnen, Blechspielzeug, Dampfmaschinen und Automaten. Das nächste grosse Thema, Holzspielzeug, führt den Besucher zunächst zu den Anfängen des Spielzeugs. Natürliche Gegenstände wie Holzstücke, Tannzapfen und Knochen werden in der Vorstellung zu Tieren, Menschen oder Autos. Dem Besucher wird auch gezeigt, wie in holzreichen Gebieten Europas eigentliche Zentren der Spielzeugherstellung entstanden sind, die für die ländliche Bevölkerung von entscheidender wirtschaftlicher Bedeutung waren.

Der ganze erste Stock des Hinterhauses ist schliesslich der Welt der Puppen gewidmet. In der Nachbildung der Erwachsenenwelt im Kleinen mit Puppenhäusern, Kochherden, Einkaufsläden, Bügeleisen und Nähmaschinen lernt das Mädchen spielerisch, sich im künftigen Alltag zurechtzufinden. Ein Thema, das heute unter ganz anderen Zeichen als nur der weiblichen Rolle diskutiert wird.

In jedem Raum macht eine Informationstafel auf bestimmte Aspekte der ausgestellten Thematik aufmerksam. Kurze Texte zur Einführung und längere Beschreibungen zur Vertiefung in ein Thema decken die unterschiedlichen Informationsbedürfnisse der Besucher. Diese Tafeln wie auch das Licht- und Vitrinensystem sind der prächtigen Bausubstanz des Museums angepasst. Die Sammlung und das Gebäude sind wie Inhalt und Schatulle zu sehen: Sie sollen sich nicht konkurrenzieren, sondern einander ergänzen und für den Besucher zu einem Gesamterlebnis werden. Dies war für den Gestalter Florian Besset aus Basel eine grosse Herausforderung, die er perfekt gemeistert hat.

Bei der Gestaltung des Rebbaumuseums galten ähnliche Grundsätze wie beim Spielzeugmuseum: Die Ausstellung wurde so eingebaut, dass sie die alte Bausubstanz nicht berührt, dafür aber den Raum als solchen besser erleben lässt.

Mosaiksteinchen zum Bild des Dorfes Riehen
Ganz andere Grundsätze galten für die Gestaltung des Dorfmuseums. Auch wenn der Kulturgüterschutzraum grundsätzlich keinen geeigneten Rahmen für ein Dorfmuseum bietet, wurde mit gestalterischen Mitteln ein Maximum herausgeholt. Die Verlegung in den «Untergrund» verlangte nach einer Neukonzipierung des Sammelgutes, das zur Hauptsache von Paul Hulliger in den Jahren 1950 bis 1965 zusammengetragen worden ist2). Betreut mit dieser Aufgabe wurde eine mehrköpfige Arbeitsgruppe. Der Auftrag war klar, seine Erfüllung erwies sich als ein recht zeitaufwendiges Unterfangen. Denn allgemeingültige Richtlinien für die Einrichtung eines Dorfmuseums gibt es keine. Fest stand einzig, dass riehenspezifische Themen den Vorrang haben sollten.

Bald zeigte es sich, dass mit dem vorhandenen Material diese Aufgabe nicht gelöst werden konnte. Deshalb wandte sich die Arbeitsgruppe in verschiedenen Aufrufen und vielen persönlichen Gesprächen an die Riehener Bevölkerung mit der Bitte, dem Museum Objekte und Bildmate rial als Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Das Echo war begeisternd: Aus der Sammlung Johannes Wenk-Madoery, der Sammlung des Diakonissenhauses, aus Vereinsarchiven und vielen Familien durfte die Arbeitsgruppe jene Dinge zusammentragen, die es ermöglichten, das gedankliche Konzept sinnfällig umzusetzen.

Neben Objekten wurden auch Modelle, Pläne, Fotos und Tonbandaufnahmen in die Ausstellungsgestaltung miteinbezogen. Alle diese Hilfsmittel aber können nur Mosaiksteinchen sein im Gesamtgemälde, das die Arbeitsgruppe vom Dorf Riehen, seiner Bevölkerung und seiner Geschichte zeichnen wollte. Ihr ist bewusst, dass ausserdem in nicht geringem Ausmass das Vorstellungsvermögen einer jeden Besucherin, eines jeden Besuchers gefordert ist. Sie hofft aber, dass eine solche Gedankenarbeit nicht nur Mühe, sondern auch Spass bereitet.

Was ist denn nun aber typisch für das Dorf Riehen? Vielleicht am augenfälligsten ist seine Grenzlage. Wie ein Finger ragen die beiden baselstädtischen Landgemeinden in deutsches Gebiet hinein. Deshalb betritt man den Ausstellungsraum auch über eine Plattform, auf welcher der Grenzverlauf aufgeleuchtet werden kann. Diese geographische Lage hat in Friedens- und Kriegszeiten, vor allem aber vor und im Zweiten Weltkrieg zu sehr verschiedenen Grenzerfahrungen geführt; darüber handelt der erste Ausstellungsbereich.

Auch Häuser erzählen Geschichte und Geschichten. Für die Ausstellung wurde ein Dorfmodell geschaffen, das den alten Dorfkern von Riehen um 1880 darstellt. Riehen war bis ins 20. Jahrhundert ein Bauerndorf, doch sind die Bauernhäuser heute zum grossen Leil aus dem Dorfbild verschwunden. Erhalten haben sich die öffentlichen Gebäude, die symbolisch dastehen für die politische Geschichte Riehens. Viel Raum im Weichbild des Dorfes nehmen die von wohlhabenden Baslern erbauten Landgüter ein. Sie brachten eine neue Bevölkerungsschicht nach Riehen und veränderten damit seine soziale Struktur.

Das Leben früherer Riehener Generationen war angefüllt mit Arbeit. Den Begriff «Freizeit» gab es damals noch nicht. Im 19. Jahrhundert konnten nur 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung Riehens als selbständige Landwirte ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Mehrheit der Einwohner musste sich mit einem kleineren Bauernhof bescheiden und war auf einen Nebenerwerb als Handwerker, als Taglöh ner oder als Fabrikarbeiter angewiesen. Auch die Kinder mussten vor und nach der Schule tüchtig mitanpacken. Einen speziellen Schwerpunkt bilden in diesem Ausstellungsbereich die Tätigkeiten der Bauersfrau in und um das Haus. Kleine Szenarien, aus Gegenständen und Fotos zusammengestellt, sollen einen Eindruck vermitteln von der um 1900 geleisteten Frauenarbeit. Dieses Thema zur Sprache zu bringen, entspricht einer längst überfälligen Forderung unserer Zeit.

Ein Menschenleben beinhaltet aber nicht nur Arbeit. Es in all seiner Komplexität darstellen zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sollen Freuden und Leiden in ei nem Museum sichtbar gemacht werden? Viele Menschen in Riehen waren nach heutigem Begriff arm. Haben sie sich aber auch selbst als arm empfunden? Die Arbeitsgruppe hat versucht, mit der Rekonstruktion eines Weihnachtspäckchens, wie sie der Reformierte Frauenverein verteilt hat, auf diese Thematik hinzuweisen. Private Wohltätigkeit war wichtig in einer Zeit, wo staatliche Unterstützung noch nicht selbstverständlich war. So haben das Diakonissenspital und weitere Einrichtungen der Diakonissen Riehen zu einem sozialen Ruf weit über seine Grenzen verholfen. Leihgaben aus der Sammlung des Diakonissenhauses zeugen insbesondere vom medizinischen Einsatz der Schwestern.

Der Tod ist heute - im Gegensatz zu früher - ein Tabuthema. Trotzdem hat sich die Arbeitsgruppe erlaubt, einen Kindertotenwagen in die Ausstellung zu integrieren, um auf die hohe Kindersterblichkeit und auf die Allgegenwart des Todes hinzuweisen. Es gab aber auch immer wieder frohe Ereignisse im Leben einer Riehenerin, eines Rieheners, die festlich begangen wurden. Dazu gehören in erster Linie Taufe, Konfirmation und Hochzeit. Da diese Lebensstationen nicht nur von privatem, sondern auch von öffentlichem Interesse waren, wurden sie in der Regel schriftlich festgehalten. Diese Daten sind oft das Einzige, was wir von der früheren Bevölkerung Riehens noch wissen. In manchen Familien wurden Gegenstände aufbewahrt, die im Zusammenhang mit diesen Festen stehen. Nach intensivem Suchen ist es der Arbeitsgruppe gelungen, wenn auch nicht ein Hochzeitskleid, so doch einen Brautkranz und einen Hochzeitsschleier, Taufkleidchen und -häubchen und verschieden gestaltete Glückwünsche für die Ausstellung zu erhalten.

Freizeit und Kultur fanden hauptsächlich im Rahmen der vielen Riehener Vereine statt. Diese haben denn auch dem Dorfmuseum vielfältige und aufschlussreiche Leihgaben zur Verfügung gestellt. Mit ihren Vereinsfotos bieten sie ausserdem der Riehener Bevölkerung weitere Identifikationsmöglichkeiten. Dass viele alte Vereine heute noch existieren und immer wieder neue gegründet werden, ist ein Zeichen dafür, dass Riehen lebt. Auch das Museum soll leben, offen sein für Neues und Reaktionen auslösen. Dies ist zumindest der Wunsch derjenigen, die diese Ausstellung gestaltet haben.

Anmerkungen
1 ) Zur Geschichte des Wettsteinhauses und Eröffnung des Spielzeug- und Dorfmuseums siehe RJ 1972, S. 7-64
2) PaulHulliger: «Aufdem WegzumDorfmuseum»,in: RJ 1962,S.49-60 Die Dezembernummer 1992 des Periodikums «muséum», Westermann Verlag, Braunschweig, ist dem Museum im Wettsteinhaus gewidmet.

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